Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg: Debatten-Abend „Energy Outlook“
 
  Home Kontakt Impressum Datenschutz
 
 

 

„Zeitfenster für das 2-Grad-Ziel wird immer kleiner“


Debatten-Abend „Energy Outlook“ der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg

am 24.02.2011 in Stuttgart

„Das Zeitalter des billigen Öls ist vorbei“ und „die Zeit wird knapp, das 2-Grad-Ziel zu erreichen“. Dies sind für Dr. Fatih Birol, den Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA), die zentralen Aussagen des „World Energy Outlook 2010“. Die aktuellen Prognosen der IEA für den mittel- und langfristigen Welt-Energieverbrauch waren Thema des Debatten-Abends der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg am 24. Februar 2011 in Stuttgart.

Birol wandte sich per Videoleitung an die rund 70 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft des Debattenabends, an dem außerdem Professor Alfred Voß, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung an der Universität Stuttgart, Dr. Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie Dr. Dirk Mausbeck, Geschäftsführer EnBW Trading GmbH, die jüngste Studie der IEA diskutierten. Zu den Thesen der Experten gehörten die Forderung, die Kosten einer klimafreundlichen Energieversorgung stärker zu berücksichtigen (Voß) sowie der Appell, bereits heute über Alternativen nachzudenken, wenn das 2-Grad Ziel nicht erreicht werden kann (Geden). Für Dr. Mausbeck bestätigt die pessimistische Prognose der IEA die Dringlichkeit, gegen den Klimawandel zu handeln.

 

 

Debatten-Abend „Energy Outlook": Begrüßung durch Dr. Erhard mit live-Schaltung nach Paris zu Dr. Birol/IEA
Dr. Wolf-Dietrich Erhard mit live-Zuschaltung von Dr. Fatih Birol aus Paris
(Foto: W. List)

„Wir sind momentan nicht sehr optimistisch", fasste Gül, ein enger Mitarbeiter von Fatih Birol und persönlich in Stuttgart anwesend, die Analysen in Bezug auf die Erreichbarkeit der gesteckten Klimaziele auch unter Berücksichtigung der politischen Rahmenbedingungen nach Kopenhagen zusammen. Auf der UN-Klimakonferenz im Dezember 2009 sei ein Schritt in die richtige Richtung erfolgt, „aber das Ergebnis ist noch nicht, was wir brauchen, um uns klimapolitisch in eine sichere Zukunft zu führen.“ Durch die große Bandbreite der abgegeben politischen Versprechungen zu den Mengen reduzierter Treibhausgase gibt es nach Berechnungen der IEA im Zeitraum bis 2020 Unsicherheiten in einer Größenordnung von 39 Gigatonnen CO2.

Dr. Timur Gül/IEA beim Debatten-Abend „Energy Outlook"
Dr. Timur Gül, International Energy Agency,
präsentiert den „World Energy Outlook 2010"
 (Foto: W. List)

Wenn, wie im „New Policies-Szenario“ angenommen, die Staaten ihre Verpflichtungen nur sehr zurückhaltend umsetzen, ist eine Erderwärmung auf 3,5 Grad wahrscheinlich. Von diesem Ausgangspunkt noch zu dem angestrebten 2-Grad Ziel zu kommen, sei, so Gül, ein „sehr schwieriger Weg“. Um dies zu schaffen, müsste im Stromsektor der Anteil von 40 % an Technologien mit niedriger CO2-Emission, von dem im New Policies-Szenario bereits ausgegangen wird, noch einmal deutlich erhöht werden. Im Transportsektor müsste bis 2035 der Anteil von Niedrigemissionsfahrzeugen, etwa Elektrofahrzeugen, auf 40 % gesteigert werden – was zur Emissionsminderung jedoch nur bei einem entkarbonisierten Stromsektor sinnvoll sei.

„Energie muss auch bezahlbar sein“

Bei der Debatte um das 2-Grad-Ziel werde den sogenannten „Low Carbon-Technologien“ eine zentrale Rolle zugeschrieben, so Professor Alfred Voß, der Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung an der Universität Stuttgart. Diese reichen seiner Meinung nach für eine effektive CO2-Reduktion aber nicht aus, sondern müssten mit „Low Cost-Technologien“ kombiniert werden. „Weit gehende Reduktionsziele werden, wenn überhaupt, nur erreichbar sein, wenn sich die Kosten in Grenzen halten.“ Vor dem Hintergrund des steigenden Bedarfs, gerade in Entwicklungsländern, müsse Energie bezahlbar sein. Subventionen wiederum erschwerten das Erreichen der Klimaschutzziele.

Platzhalter_klein

Zum Energiekonzept der Bundesregierung bezweifelte Voß, ob die Energiepolitik mit dem vorliegenden Energiekonzept, das eine Senkung des Stromverbrauchs um 25% bis 2050 und den Ausbau des Anteils der Erneuerbaren auf 80% bis 2050 bei einer Begrenzung der Laufzeiten der Kernkraftwerke vorsieht, die richtigen Rahmenbedingungen für kosteneffizienten Klimaschutz und Energieerzeugung schafft.

Prof. Dr.-Ing. Alfred Voß, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung IER der Universität Stuttgart  bei Debatten-Abend „Energy Outlook"
Prof. Alfred Voß, Leiter des IER der Universität Stuttgart (Foto: W. List)

„2-Grad-Ziel wird an Grenzen stoßen“

Aus Sicht eines energiepolitischen Beraters kommentierte Dr. Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik den World Energy Outlook. Mit Blick auf die nach der Kopenhagener Abschlusserklärung erfolgten Absichtserklärungen betonte er, Anreize zur CO2-Reduktion würden immer nur zum Teil aus internationalen Verhandlungen kommen. „Wichtiger wird sein, dass sich CO2-Reduzierung wirtschaftlich lohnt.“ Das 2-Grad-Ziel sei als „politische Kompromisszahl“ zu werten. „Derzeit sehen wir, dass der Energieverbrauch und die Emissionen weiter steigen. Wir werden in einigen Jahren sehen, dass das 2-Grad-Ziel an seine Grenzen stoßen wird. Die Frage ist, was machen wir, wenn wir dieses Ziel nicht erreichen? Wir werden in 3 bis 5 Jahren diese Diskussion führen müssen und sollten deshalb schon heute damit anfangen.“

Dr. Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik beim Debatten-Abend „Energy Outlook"
Dr. Oliver Geden, Senior Research Fellow der swp (Foto: W. List)

"Weltweiter klarer regulatorischer Rahmen nötig"

Die pessimistischen Prognosen der IEA sind für Dr. Dirk E. Mausbeck, den Geschäftsführer EnBW Trading GmbH, kein Grund zur Resignation sondern eine Aufforderung zum Handeln. Er wies auf eine Studie der IAE hin, nach der bereits die Verzögerung bei der CO2-Reduktion um ein Jahr von 2009 auf 2010 die erwarteten Gesamtkosten durch den Klimawandel um eine Billion Dollar ansteigen ließ.

Platzhalter_klein

Dies betone die Dringlichkeit einer Begrenzung der Erderwärmung. „Deshalb sollten wir uns bemühen, das 2-Grad-Ziel möglichst früh zu erreichen.“ Dazu müsse weltweit ein klarer regulatorischer Rahmen geschaffen werden.

Dr. Dirk E. Mausbeck/EnBW beim Debatten-Abend „Energy Outlook"
Dr. Dirk E. Mausbeck, Geschäftsführer EnBW Trading GmbH  (Foto: W. List)

Hintergrund: World Energy Outlook 2010

Der im November 2010 erschienene Report der IEA beinhaltet Projektionen bis ins Jahr 2035 hinsichtlich Energieverbrauch, -förderung, -handel und Investitionen und betrachtet dabei die einzelnen Energieträger und Weltregionen im Detail. Die Analyse berücksichtigt erstmals auch die aktuellen politischen Reduktionsziele und bereits getroffene Maßnahmen für die Energieversorgungssicherheit. Neben den bestehenden politischen Rahmenbedingungen wurden auch mögliche Auswirkungen des Kopenhagener Akkords nach der UN-Klimakonferenz 2009 und den darauf folgenden freiwilligen Selbst- verpflichtungen verschiedener Staaten („New Policies Szenario“) untersucht.

Debatten-Abend „Energy Outlook" der Stiftung Energie & Klimaschutz am 24.02.2011
Die Protagonisten der Debatte, v. l. n. r.:
Dr. Oliver Geden, Dr. Timur Gül, Klaus
Jancovius (Moderation)
, Prof. Dr.-Ing. Alfred Voß, Dr. Dirk E. Mausbeck
(Foto: W. List)

Die IEA prognostiziert einen steigenden Energiebedarf bis 2035. Treiber sind im Wesentlichen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, vor allem außerhalb der OECD, insbesondere die Entwicklung in China, wo der Energiebedarf bis zum Jahr 2035 um 75 % steigen wird. Außerdem sieht die IEA in den Subventionen auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe einen wichtigen Faktor für die Entwicklung der Energienachfrage, weil dadurch weniger auf Energieeffizienz gesetzt wird.

Erdöl wird laut IEA weltweit bis 2035 der wichtigste fossile Brennstoff bleibt. Auch Kohle wird demnach weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Als „Schlüsselenergieträger“ bei der Befriedigung der Energienachfrage in den nächsten 25 Jahren sieht die IEA das Gas, dessen Nachfrage bis 2035 um 44% steigen werde, besonders im Nahen Osten und in China. Bei den Erneuerbaren Energien geht die IEA davon aus, das deren Anteil von 19 % (2008) bis 2035 auf 32 % steigen könnte. Nötig sei aber weiterhin politische Unterstützung.

 

 
 
   
 
 
 
   

  Seite drucken zum Anfang  
 
 
© 2012 Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg
© 2012 Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg