„Wie viel sind wir bereit, für Öl zu bezahlen?“
Debatten-Abend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg
Die Perspektiven der fossilen Energieträger Öl und Gas waren Thema eines Debatten-Abends der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg am 25. November 2010 im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht eine „Plattform für fundierte offene Diskussionen zu klima-politischen Fragen“ zu bieten, führte EnBW-Vorstandsmitglied Christian Buchel in den Abend ein. Renommierte Experten diskutierten mit rund 150 Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zum Thema „Peak Oil: Knapp und teuer – Geht uns der Sprit aus? Sind wir erpressbar?“. Moderiert wurde der Abend von Klaus Jancovius, dem Redaktionsleiter der Badischen Fernseh-Redaktion des SWR.
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„In den großen Konzernzentralen der Erdölgesellschaften liegt niemand wach wegen der Frage, ob der Peak Oil Punkt schon war oder noch kommt“, so Prof. Karl Rose, Direktor für globale Energieszenarien beim World Energy Council in seinem Vortrag „Energiemix der Zukunft“. Peak Oil sei eine „dynamische Größe“. Wenn man über eine Verknappung dieser Ressource spreche, müsse man zwischen der technischen und geologischen Verfügbarkeit unterscheiden. Letztere sei bis auf Weiteres noch kein Problem, das Ende des Ölzeitalters sei noch nicht in Sicht. „Die Frage ist vielmehr: Wie viel sind wir bereit, für die Ressource Öl zu bezahlen?"
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Das häufig geäußerte Argument, man müsse auf andere Energieträger umsteigen, weil uns das Öl ausgeht, ist für Rose deshalb falsch. „Wir wollen umsteigen wegen dem Klimaschutz, wegen einer neuen Energiezukunft, aber wir müssen noch nicht umsteigen wegen der Verfügbarkeit.“ Wir müssen uns jedoch, so Rose, schon heute überlegen, wie wir aufhören, Öl zu verbrennen, denn „wir werden es dringend brauchen als Grundstoff der chemischen Industrie". Die globale Herausforderung sei, dass große Teile der Menschheit noch keinen Zugang zur Energie haben. Angesichts der Klimaproblematik stelle sich hier die Frage, welche Energieform zum Beispiel in den Ländern Afrikas für die wirtschaftliche Entwicklung genutzt wird. „Meine Prognose: Es wird oft Kohle sein, auch wenn das nicht gut ist für das Klima.“ Im „Mangel an Kapital" für die Entwicklung effizienter Energietechnologien sieht Rose deshalb einen wesentlich größeren Engpass als in der Verfügbarkeit der Ressource Öl. Hier sei in den vergangenen Jahren zu wenig investiert worden. „Wir haben zum ersten Mal einen Übergang von einer Energieform auf die andere, bei der wir nicht von einer niedrigen Energiedichte auf eine höhere umsteigen sondern umgekehrt“, beschreibt Rose die technologische Herausforderung und plädiert beim Umbau des Energiesystems auch für „verbraucherseitige Maßnahmen“. „Ich rate Politikern, sich nicht nur mit Solarpaneelen fotografieren zu lassen, sondern auch den schwierigen Weg zu gehen und in das Verbrauchsverhalten der Bürger einzugreifen.“ Eine Reduzierung des Energieverbrauchs bis zu 40 Prozent sei so möglich.
Zusammenfassend stellt Rose fest, dass die geologische Verfügbarkeit von Erdöl bis auf weiteres kein Problem darstellt. Es könne aber eine logistische Verknappung geben: „Wir sind abhängig von Transportwegen." Darüber hinaus sehe er „große Diskrepanzen“ zwischen den strategischen Zielen der Reduzierung der fossilen Energieträger und der Kapazität des Systems, alternative Formen „rechtzeitig und erschwinglich“ bereitzustellen. Nötig seien „gesteuerte Technologieinnovationen“. Bettzüge: „Klimafreundliche Handelsware Erdgas sucht in Europa nach Abnehmern“ Auch Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge, der Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität zu Köln, sieht in der Verfügbarkeit von Öl „in der näheren Zukunft keine Besorgnis erregende Beschränkung menschlichen Wirtschaftens". Klimaschutzüberlegungen begrenzten die Nutzung viel eher als fehlende Verfügbarkeit. Dabei könne Erdgas durchaus eine wichtige Rolle im Rahmen einer nachhaltigen Energiepolitik spielen. |
„Unter allen fossilen Energieträgern ist Erdgas am klimafreundlichsten.“ Außerdem seien die Erdgasreserven im Vergleich zu Erdöl deutlich umfangreicher vorhanden und global breiter verteilt. „Doch in Deutschland wird Erdgas als Ressource zu wenig geschätzt, im Gegensatz zur Haltung in anderen Weltregionen.“ Die weltweite Entwicklung im Bereich Gas wurde, so der Direktor des EWI, in den vergangenen Jahren durch zwei „Revolutionen“ gekennzeichnet. Demnach ermöglichen Fortschritte bei der Liquefied Natural Gas Technologie (LNG), der Verflüssigung von Erdgas, einen günstigeren Transport mit Tankschiffen. Ab etwa 3.000 Kilometer seien die Kosten über Tanker preiswerter als über die Pipeline. Die Konsequenz sei eine geografisch flexiblere Logistik und die damit verbundene Herausbildung eines Weltmarktes für Erdgas. Der zweite technologische Durchbruch sei, dass es heute möglich ist, so genanntes „nicht-konventionelles Erdgas", Gas also, welches in dichten Ton- und Schieferschichten eingelagert ist, in einigen Regionen der Welt zu wettbewerbsfähigen Kosten im Vergleich zu angelandetem LNG zu fördern. In den USA habe es aufgrund dieser technologischen Entwicklungen und hoher Preise für konventionelles Erdgas in den vergangenen Jahren substanzielle Investitionen in die nicht-konventionelle Gasförderung gegeben, die im Weltmarkt zum aktuell zu beobachtenden Überangebot an Erdgas beigetragen haben. Auch der liberalisierte deutsche Gasmarkt sei nicht mehr unabhängig von den USA, und dies habe Konsequenzen für die Preise. „Der Gaspreis ist auf den deutschen Spotmärkten seit 2008 erheblich gefallen und lag zeitweise deutlich unter den Konditionen, die in den Langfristverträgen vereinbart waren". Trotz dieser Entwicklungen schätzt der EWI-Direktor die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Europa so ein, dass die Gasnachfrage in Europa deutlich weniger stark wachsen wird, wenn überhaupt, als im Rest der Welt. „Erdgas sitzt in vielen Anwendungen zwischen Baum und Borke", so Bettzüge. Im Stromsektor zum Beispiel werde man in Zukunft zwar neue Gas-Kraftwerke benötigen, die „als Backup flexibel zur Verfügung stehen", aber sie werden voraussichtlich wenig Arbeit verrichten. „Die elektrische Arbeit wird bei den jetzigen politischen Rahmensetzungen in Deutschland und Europa langfristig vor allem von den Erneuerbaren Energien und der Kernenergie bestritten werden.“
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v. l .n. r.: Dr. Frank Umbach, Christian Buchel, Auch für eine stärkere Nutzung von Gas im Verkehrssektor seien die Rahmenbedingungen schwierig. Damit Kunden bereit seien, gasbetriebene Fahrzeuge zu kaufen, müsse es ein Netz von mindestens 3.000 bis 4.000 Gastankstellen geben, also drei Mal mehr als bislang vorhanden – „während ein Tankstelleninvestor erst investiert, wenn genügend Fahrzeuge auf der Straße sind“. Diese wechselseitige Blockade wirke sich zudem auf die Produktionskosten und die Produktpalette erdgasbetriebener Kraftfahrzeuge aus, was das mögliche Kaufinteresse der Kunden weiter schmälere. „Die klimafreundliche Handelsware Erdgas sucht in Europa also zunehmend nach Abnehmern“, resümierte Bettzüge. Sicherheitsexperte Umbach: Auch Erneuerbare schaffen Abhängigkeiten Dr. Frank Umbach, Experte für internationale Energiesicherheit des European Centre for Energy and Ressource Security (EUCERS) am Kings College in London, unterstrich in der anschließenden Podiumsdiskussion, dass es seit 2006 ein Umdenken in Deutschland gebe, Energieressourcen würden nicht ausschließlich als Wirtschaftsgut, sondern als ein „strategisches Gut“ wahrgenommen. Umbach sprach von einem zunehmenden „Ressourcen-Nationalismus“. „In Deutschland herrscht der Mythos, dass Erneuerbare Energien absolut keine geopolitischen Konflikte hervorrufen und keine Abhängigkeiten schaffen.“ „Wir haben 25 Jahre nicht genügend in neue Felder investiert, das hat zu einem Anstieg der Preise für Öl geführt“, so die These von Souhil Harchaoui, Direktor der Credit Suisse. „In Tiefseebohrungen produzieren wir derzeit bis zu sechs Millionen Barrel am Tag“, was „fantastische Perspektiven“ eröffne. Dies wolle man weiter intensivieren, „wir können bis zum Ende des Jahrzehnts den Ertrag auf bis zu 12 Millionen Barrel täglich steigern.“ Der Geschäftsführer der EnBW Trading GmbH Dr. Dirk E. Mausbeck begrüßte, dass die Bundesregierung mit dem Energiekonzept nun einen langfristigen Rahmen vorgegeben hat. Der Ansatz, sehr stark auf Erneuerbare Energien zu setzen, werde den Zielen gerecht, das Energiesystem sowohl im Hinblick auf die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen als auch in Hinblick auf die Klimaerwärmung umzustellen. „Für unsere Kunden sind wir aber auch auf bezahlbare Energiepreise im internationalen Wettbewerb angewiesen,“ so Mausbeck, der sich gegen nationale Alleingänge und für ein gemeinsames Vorgehen in Europa aussprach. |
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„Peak Oil: Knapp und teuer - Geht uns der Sprit aus? Sind wir erpressbar?" Pressemitteilung der Stiftung Energie & Klimaschutz