Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg: Debatten-Abend „Wird Wasser knapper? Herausforderungen für Industrie- und Schwellenländer"
 
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Weltweite Wasserknappheit: Was können Länder wie Deutschland tun?


Debatten-Abend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg zum

Thema „Wird Wasser knapper? Herausforderungen für Industrie- und

Schwellenländer“

Prof. Dr. Klaus Töpfer referierte am 29. Juni 2010 in Lindau bei einem Debatten-Abend der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg zum Thema „Wird Wasser knapper? Herausforderungen für Industrie- und Schwellenländer“. Der ehemalige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen und Gründungsdirektor des Spitzenforschungsinstituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam und weitere Experten diskutierten vor geladenen Gästen über Lösungsansätze zur Bewältigung der weltweiten Wasserknappheit.

Nur drei Prozent des weltweiten Süßwasservorkommens sind für Trinkwasser, Nahrungsmittelproduktion und Wirtschaft nutzbar. Wasser ist bereits heute in vielen Weltregionen ein knappes Gut. Durch die Folgen des Klimawandels wie Dürren und abschmelzende Gletscher wird die Wasserversorgung und damit die Entwicklung ganzer Regionen weiter gefährdet. „Ja, Wasser wird knapper“, betonte Prof. Dr. Klaus Töpfer, der seinen Vortrag mit drastischen Fakten begann: „1,2 Milliarden Menschen haben bereits heute keinen Zugang zu sauberem Wasser und alle 20 Sekunden stirbt ein Kind an wasserbezogenen Krankheiten.“

 

 

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Podiumsdiskussion (v. l. n. r.): Prof. Dr. Kunstmann, Dr.Scholz,
Dr. Backes, Prof. Dr. Töpfer (Foto: W. List)

„Es besteht dringender Handlungsbedarf“

Angesichts der zunehmenden Wasserknappheit werde häufig über mögliche drohende „Wasserkriege“ gesprochen, so Töpfer. Die Frage sei, „gibt es Abrüstungsmaßnahmen gegen Wasserkriege? Gibt es Frühwarnsysteme?“ Vier Faktoren müssten hier betrachtet werden, denen für eine wachsende Differenz zwischen Wasserbedarf und Verfügbarkeit eine besondere Bedeutung zukommt: Bevölkerungszahlen, Industriali- sierung, Nahrungsmittelproduktion und Urbanisierung. Nach einer Prognose der UNO wird die Weltbevölkerung bereits im Jahre 2050 auf neun Milliarden Menschen angewachsen sein, die alle, so Töpfer, das Recht auf Entwicklung haben: „Wir können nicht sagen, ´sorry Freunde, dass Ihr arm seid und kaum Entwicklungs- möglichkeiten erarbeiten könnt. Dummerweise haben wir die Ressourcen dieser Welt bereits für unseren Wohlstand in Anspruch genommen.´“ Mit industrieller Entwicklung und höherem Lebensstandard steigt auch der Wasserbedarf. Um die wachsende Zahl von Menschen zu ernähren, muss die Nahrungsmittelproduktion sogar überproportional gesteigert werden – dabei entfallen schon heute 70 Prozent der Wassernachfrage auf die Landwirtschaft, woran die Schwellenländer mit einer deutlich wasserintensiveren Landwirtschaft als die entwickelten Länder einen Anteil von 44 Prozent haben. Als weiteres Problem nannte Töpfer die Wasserversorgung in den Großstädten, weil bis zu 70 Prozent der Menschen in Zukunft weltweit in urbanen Strukturen leben werden. Man sei an einem Punkt, an dem dringend gehandelt werden muss, selbst wenn der Klimawandel noch nicht einkalkuliert wird. Dadurch wird die Wasserproblematik weiter verstärkt, fasste Töpfer zusammen.

Lösungsansätze: Zusammenarbeit und Investitionen in Wasser- technologien

Töpfer nannte folgende Lösungsansätze, um die Wasser- knappheit zu bewältigen: Wichtig sei internationale Zusammenarbeit, um Spannungen bei gemeinsam genutzten Wasserressourcen, etwa bei grenzüberschreitenden Flüssen und Grundwasservorkommen zu vermeiden. So zeigt das Beispiel des Rheins als grenzüberschreitendem Gewässer, wie man einen von allen Flussanrainern genutzten Wasser- körper gemeinsam vertraglich so vorsorgend regeln kann, dass die Gefahr von Konflikten verhindert wird. Beispielsweise gibt es am Rhein einen Wärmelastplan zur Nutzung der Kühlkapazitäten durch die jeweiligen Anlieger. Als zweiten Punkt nannte Töpfer die Reinigung und Mehrfachnutzung von Wasser. „Es ist falsch zu sagen, ´Wasser ist eine begrenzte Ressource und kann nicht vermehrt werden´. Man kann die Menge durch Klärung und Wieder- aufbereitung erhöhen.“ Genutztes Wasser sei nicht als ´Waste Water´, als ´weggeworfenes Wasser´, zu betrachten, sondern als ´Abwasser´, das nach der Aufbereitung wieder-

 

verwertet werden kann. Dazu müssen Kreisläufe bei der Nutzung effizient geschlossen werden. Ein Problem dabei sei, dass dieser Ansatz in der Sanitär- und Leitungsstruktur der Entwicklungsländer technisch nie konsequent verfolgt werden konnte.

Große Leitungsverluste von Wasser sind die Konsequenz. Töpfer plädierte für Investitionen in neue Wassertechnologien und Wasserspartechnologien, zum Beispiel zur dezentralen Reinigung von Abwasser, für eine wassereffiziente Landwirtschaft oder zur Minimierung von Leitungsverlusten. Diese betragen beispielsweise in Afrika oft über 50 Prozent. „Die Frage, ob wir genug Wasser haben, ist ganz klar an die Frage gebunden: „Was investieren wir in Technik?“ Beispielhaft sei eine in Israel praktizierte Methode, mit der Wasser direkt an die Wurzel geleitet wird und so bis zu 25 Prozent höhere Erträge pro Tropfen generiert werden.

„Wir brauchen technologischen Austausch“

„Wir haben keine Wassermengenkrise, sondern eine Wasserinvestitionskrise und Wassermanagementkrise“, unterstrich Töpfer. Um diese zu bewältigen, sei technologischer Austausch zwischen Industrie- und Schwellenländern nötig. „Das ist Friedensarbeit.“ Auch liege hier eine wirtschaftliche Chance für technologisch führende Länder wie Deutschland, die Erfahrungen bei der Zusammenarbeit an grenzüber- schreitenden Gewässern weitergeben und technologische Fortschritte anstoßen können. „Wer baut die richtigen Kläranlagen? Wer schafft die Möglichkeit, Wasser innerhalb des Hauses selbst unmittelbar zu reinigen und vielfach nutzbar zu machen? Wie können wir die Wirkungsgrade zur Nutzung von Wasser erhöhen? Wie kriegen wir eine urbane Landwirtschaft hin, die Kreisläufe schließt?“, umriss der ehemalige Exekutivdirektor des UN-Umwelt- programms die Herausforderungen.

„Wasser wird knapper – wenn alles so bleibt, wie es ist.“ Deswegen müsse man dazu beitragen, die Produktivität bei der Nutzung von Wasser von derzeit einem auf zwei oder 2,5 Prozent pro Jahr zu steigern. „Das ist nicht visionär, sondern wird zwingend notwendig sein. Denn sonst kriegen wir eine Migrationsdynamik, eine Dynamik des Unfriedens, der die Gesellschaft in der wir leben, mit Sicherheit nicht gewachsen ist.“

 

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v. l. n. r.: Dr. Erhard, Prof. Dr. Kunstmann, Dr. Scholz, Dr. Backes, H. Hutter, Prof. Dr. Töpfer  (Foto: W. List)

Scholz: Klimawandel wird durch erschwerten Zugang zu Wasser spürbar

Der Zugang zu Wasser und die Versorgung mit sauberem Wasser sind zentrale Faktoren für eine dauerhafte Armutsbekämpfung und für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in

 

den Entwicklungsländern, erklärte Dr.Imme Scholz, die Stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, in der anschließenden Podiumsdiskussion. „Das betrifft Afrika, ist aber auch ein zentrales Problem von Ländern, die sich sehr dynamisch entwickeln, wie China und Indien, aber auch von Entwicklungsländern mittlerer Größe, die eine schnelle Industrialisierung und Urbanisierung hinter sich haben.“ Wasserknappheit kann natürlich bedingt sein, aber auch durch verschwenderischen Umgang und durch Wasserverluste in überalteter Infrastruktur verursacht werden.

Der Klimawandel wird in vielen Ländern die Verfügbarkeit von Wasser weiter einschränken, wenn nicht vorbeugende Maßnahmen wie die Verbesserung des Wassermanagements und der Wasserinfrastruktur ergriffen werden. Wichtig sei auch, das Gleichgewicht zwischen ökonomischer Nutzung und Wasserschutz zu beachten. „Ein Beispiel ist der Bau von Staudämmen, wo eine Balance zwischen den positiven Funktionen wie Energie- gewinnung, Hochwasserschutz und Bewässerung und den negativen Auswirkungen auf Ökosysteme und Artenvielfalt lange keine Rolle gespielt hat.“ Bei solchen Fragen müssten heute aufgrund des globalen Umweltwandels sehr hohe Anforderungen an die Lernfähigkeit von Entwicklungsländern gestellt werden, während sich die Industriestaaten mit der Ausbalancierung von Wirtschafts- und umweltpolitischen Zielen in ihrer Geschichte „sehr viel Zeit gelassen“ hätten.

„Verstärkter Transfer von neuen wissenschaftlichen Methoden zu den Anwendern notwendig“

In vielen Regionen weltweit werde Wasser nicht nachhaltig genutzt, so Prof. Dr. Harald Kunstmann, Leiter Regionale Klimasysteme am Campus Alpin des Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Ein Beispiel ist die Stadt Aqaba in Jordanien, die fast vollständig aus sich nicht wieder füllenden Grundwasser- speichern versorgt wird, die laut Kunstmann maximal noch 50 - 100 Jahre halten. Immer dort, wo insbesondere Grundwasser nicht nachhaltig genutzt wird, sei dies mit einer Nutzung für Bewässerung verbunden, was die enge Verbindung der Wasserknappheit mit dem Bevölkerungswachstum zeige. Hier seien langfristige Lösungen notwendig. „Meine Nachricht ist: Die Wissenschaft entwickelt auf der Basis von komplexen Computermodellen, satellitengebundener Fernerkundungsinformation und terre- strischen Beobachtungsnetzwerken wert- volle Entscheidungsunterstützungssysteme für nachhaltiges Wassermanagement. Diese Methoden müssen verstärkt in die Praxis transferiert werden und bei den Anwendern ankommen. Der Transfer von der Wissenschaft zu den Menschen muss geschafft werden.“

Ist Wasser eine Ware?

In der anschließenden Diskussion sprach Dr. Rolf Linkohr, Kurator der Stiftung Energie & Klimaschutz, die Frage an, ob Wasser öffentliches Gut oder eine „Ware“ sei, mit der gehandelt werden dürfe. Diese Frage werde bei jeder Wasserkonferenz intensiv diskutiert, antwortete Töpfer. „Man kann Wasser nicht privatisieren.“ Im Islam etwa sei Wasser ein Geschenk Gottes, das allen gehöre. Die Bereitstellung von Wasser hingegen könne über Preise erfolgen. In Entwicklungsländern sei die Privatisierung ein zentrales Thema, dabei spiele allerdings die Korruption eine große Rolle.

 

 
 
   
 
 
 
   

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© 2012 Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg
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